Dissertationsprojekt

Die Erfindung der Biometrie – Identifizierungstechniken und ihre Anwendungen, 1870–1914

 In der Dissertation untersuche ich die Erfindung und Einführung biometrischer Identifizierungs-Techniken an der Wende zum 20. Jahrhundert. Ziel ist es, die Entstehung der Orte polizeilichen Identifizierens zu beschreiben und die Implementierung von behördlichen Anwendungspraktiken für die Techniken Fotografie, Anthropometrie und Daktyloskopie (Fingerabdruckverfahren) nachzuzeichnen.

10 Jahre nach Einrichtung eines »photografischen Ateliers« beim Wiener »Sicherheitsbureau«, einer Vorgängerinstitution der Kriminalpolizei, kam ein Beamter nach Evaluierung der fotografischen Anwendungen zu folgendem (vernichtenden) Ergebnis:

»Wenn die Commissariate die Fotografien auch benützen wollen – und bei vielen ist der endliche Wille dazu vorhanden – so ist doch die Manipulation mit denselben zweifellos zu complizirt und der Nützlichkeit derselben abträglich, es ermüdet die Amtsorgane und die Partheien mehrere hundert Fotografien je einzeln in die Hand zu nehmen und durchzusuchen, die Leute werden schließlich irre. Die Fotografien erweisen sich daher in dieser Form zimlich unnütz.«1

Zwar gab es inzwischen standardisierte Verfahren zur Herstellung der Fotografien, was aber fehlte, war eine Methode, die Fotografien zu sortieren und systematisch zugänglich zu machen. Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist daher die Frage des Zugriffs auf Informationen.

»The most acute problem facing the nineteenth-century police and penal bureaucracies was not recording information, but ordering it«, schreibt der Kriminologie Simon Cole.2

Biometrische Identifizierungstechniken, die Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, lassen sich als ein Lösungsansatz interpretieren im Umgang mit dem polizeilichen Informationsfluss, der erzeugt wurde beispielsweise durch den breiten, internationalen Austausch von Fahndungsinformationen, wie Steckbriefen oder Fahndungsblättern oder der Anwendung der Fotografie. Biometrische Verfahren haben bis in die Gegenwart eine große Überzeugungskraft, was vor allem an ihrem Sicherheitsversprechen liegt, und das ist ihrem kriminalpolizeilichem Entstehungshintergrund geschuldet.

Den Kontext für meine Argumentation bildet die These, dass sich bei den Sicherheitsbehörden mit den biometrischen Identifizierungstechniken eine spezifisch erkennungsdienstliche Wissenskultur etablierte.

FingerabdruckDenn Ordnen und Klassifizieren – lautet eine wichtige Ausgangsthese kulturwissenschaftlicher Archivtheorien – sind Akte der Sinnstiftung, die die Idee enthalten, durch das Ordnen über das Geordnete zu verfügen, weshalb die Analyse von Wissens- und Praxisformen einen Blick auf Formen von Macht und Herrschaft ermöglichen. Datenbanken lassen sich als Archive beschreiben, die sich durch radikale Dekontextualisierung ihrer Inhalte auszeichnen. Sie sind deshalb eine Herrschaftstechnik, die Formen von »government-at-a-distance« vereinfachen.

Der Untersuchungszeitraum meiner Dissertation, in der ich die Erfindung und Einführung von biometrischen Identifizierungstechniken beforsche, erstreckt sich von 1870 mit der Einrichtung des »photographischen Ateliers« bei der Wiener Polizeidirektion bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs. Innerhalb dieser fast 50 Jahre etablierten sich nicht nur biometrische Identifizierungstechniken als Standardverfahren zur Identifizierung von Personen, sondern es entstanden mit den Erkennungsdiensten gleichzeitig neue Institutionen, die sich auf den Austausch von biometrischen Informationen und die Wiedererkennung spezialisierten.  Im Wesentlichen konzentriere ich mich auf drei Techniken: Fotografie, Anthropometrie und Fingerabdruckverfahren bzw. Daktyloskopie.

Mitte des 19. Jahrhunderts war Biometrie noch kein Begriff, der im Umfeld des Polizei- und Sicherheitswesens in Verwendung war. Vielmehr galt Biometrie als eine »Lebens-Meß- und Rechnungskunst«. Eine Kunst, deren Ziel es war, durch »Eintheilung und Benutzung der Zeit das menschliche Wohlbefinden zu begründen«, wie es im Allgemeinen Handwörterbuch von Wilhelm Traugott Krug aus dem Jahr 1832 heißt.3 Kurze Zeit später begann sich die Bedeutung des Wortes aber zu ändern. Als biometrische Daten werden seit Ende des 20. Jahrhunderts alle körpereigenen Merkmale oder Verhaltensstrukturen bezeichnet, die weder simuliert werden können, noch einer Veränderung unterliegen. Die Identifizierung von Individuen durch biometrische Merkmale basiert auf der Annahme, dass sie einen Menschen eindeutig und zweifelsfrei kennzeichnen.

Was den Sicherheitsbehörden vor Etablierung der Biometrie fehlte, war ein Verfahren der Wahrheitsfestlegung, das auf den Punkt gerichtet war, an dem der Verdacht, ob eine Person mit einer anderen identisch ist, zur erkennungsdienstlichen Gewissheit wurde. Die Erkennungsdienste waren Orte, an denen Strategien zur Erzeugung von Wahrheit angewendet wurden, die sich als einen fragmentierten Prozess der Wissenserzeugung beschreiben lassen, der institutionell verfestigt war.

FingerprintsMit der Einführung von Identifizierungstechniken etablierte sich ein Dreischritt, der wesentlich ist für biometrische Verfahren und der sich in behördlichen Anwendungspraktiken widerspiegelt: Zunächst werden Informationen über eine Person dokumentiert (»Verdaten«) und in standardisierte Form gebracht (»Klassifizieren«) in einem Register/Archiv abgelegt (»Archivieren«), um für einen späteren Vergleich abrufbar zu sein. Der Identifizierungsvorgang ist dann der Abgleich zweier Datensätze, die zu unterschiedlichen Zeiten angelegt wurden.

Zwei Aspekte versuche ich an der Stelle herauszuarbeiten: 1. Die Bedeutung des Archivs. Denn die machtvolle Wirkung der Biometrie lag nicht bei den einzelnen Signalements, sondern im Archiv und seinem Zugriff. Und 2. Der Körper wurde zum Index für dieses Archiv. In Abgrenzung zur Kriminologie wurde Kriminalität in den Erkennungsdiensten nicht mehr am Körper abgelesen, sondern Körper wurden zum Index für unterschiedliche Datensammlungen.

Ein grundsätzliches Missverständnis, wenn es um die Frage der Eindeutigkeit in der Beurteilung von Biometrie als Technik zur Wiedererkennung von Personen geht, besteht darin, dass trotz der Idee unveränderlicher körperlicher Merkmale, die zu vergleichenden Informationen nicht vollständig übereinstimmen müssen, um eine Identifizierung zu bestätigen. Im Gegenteil: Völlige Übereinstimmung deutet bei biometrischen Verfahren eher auf einen Fälschungsversuch hin. Beim Fingerabdruckverfahren beispielsweise sehen Abdrücke aufgrund unterschiedlicher Oberflächen und Abdruckstärken nie vollständig gleich aus. Exakte Übereinstimmung würde von Daktyloskopen eher als Kopie und damit als Fälschung interpretiert werden. Analog dazu wurden bei der Anthropometrie Fehlergrenzen festgelegt, innerhalb derer noch eine Identifizierung möglich war.

Für jede biometrische Technik mussten und müssen Kriterien und Grenzwerte festgelegt werden, ab wann eine Übereinstimmung zwischen den gespeicherten und zu vergleichenden Körpermerkmalen vorliegt und wie viele Merkmale für eine Identifizierung übereinstimmen müssen. Eindeutige Übereinstimmung ist daher keine objektive Beobachtung, sondern ein vorher ausgehandelter Standardwert. Für jedes biometrische Verfahren lässt sich deshalb eine »False Acceptance Rate«, »False Rejection Rate« und »Equal Error Rate« festlegen.

Claus Zittel betont, dass sich Wissenskulturen aus Prozeduren der kollektiven Fixierung von Fürwahrhaltungen konstituieren. Die Wahrheiten, die bei den Erkennungsdiensten produziert wurden, waren indexikale Zuordnungen zwischen Körpern und Archivbeständen, die durch Techniken und Praxisformen objektiviert wurden.

Ich spreche deshalb von einer erkennungsdienstlichen Wissenskultur, weil erstens sich innerhalb der Sicherheitsbehörden spezielle Institutionen herausbildeten mit den Erkennungsdiensten, die sich auf die Identifizierung von Personen spezialisierten, sich zweitens spezielle Techniken und Praxisformen etablierten und es drittens innerhalb kurzer Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer weiten Verbreitung dieser Anwendungen kommt, vor allem in Europa, Nord- und Südamerika. Es handelt sich dabei um ein Feld, bei dem Wissen aus vielen unterschiedlichen Bereichen adaptiert wurde. Aus den Wissenschaften beispielsweise mit der Anthropologie und Statistik; was Formen der Verzettelung und Klassifizierung betrifft aus dem Bibliothekswesen und klarerweise steckt darin auch sehr viel Verwaltungswissen, wenn es um den Aufbau von Registern ging.

Am Ausbau der sicherheitsbehördlichen Institutionen zeigt sich, dass das Sammeln und Auswerten von Informationen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das polizeiliche Selbstverständnis immer stärker prägte. Gleichzeitig wird offensichtlich, inwiefern sich Gesellschaftsordnungen und Sicherheitsvorstellungen in diese Formen der Wissensverwaltung eingeschrieben haben. In einer historischen Perspektive lässt sich daher herausarbeiten, welche gesellschaftspolitischen Effekte diese Registraturen und Datenbanken hatten.

FingerabdruckverformelungDie Datenbanklogik biometrischer Register zeichnet sich dadurch aus, dass Informationseinheiten, beispielsweise mit Hilfe eines verformelten Fingerabdrucks, einer bestimmten Person zugeordnet wurden und sich auf diese Weise Narrative stabilisieren ließen, die weniger auf der Kausalität eines zeitlichen Vorher-Nachher beruhten, sondern in der Addition von Informationsbausteinen bestand – was beispielsweise verdachtsunabhängiges Suchen ermöglichte. Die Menge an Informationen erlaubt es, Zusammenhänge festzustellen. Es ist also nicht nur so, dass ein Verdacht geäußert wird, der dann durch den Datenabgleich verifiziert oder falsifiziert wird, sondern die Verknüpfung der Datenbestände lässt überhaupt erst Muster erkennen. Personen, deren Informationen Teil einer Datenbank sind, werden dadurch zu »statistical suspects«, da für sie die Wahrscheinlichkeit höher ist, zu irgendeinem Zeitpunkt identifiziert zu werden. Allein die Speicherung kann damit eine Form der Vorverurteilung und Diskriminierung darstellen.

Datenbanken können daher Diskriminierungen und Stigmatisierungen institutionell systematisieren. Mehr noch, es stellt sich die Frage, inwiefern erkennungsdienstliche Methoden als eine Art Katalysator bei der repressiven Behandlung diskriminierter Bevölkerungsgruppen wirkten? Beispielsweise wurde auf der zweiten deutschen Polizeikonferenz 1912 in Berlin das Fingerabdruckverfahren offiziell eingeführt und folgende  Anweisung verabschiedet:

»Daktyloskopiert werden müssen: alle Zigeuner ohne Rücksicht auf Straffälligkeit und Strafmündigkeit.«4

Das heißt, Datenbanken lassen sich als behördliche Versuche der Wiederherstellung sozialer Ordnung im Kontext von Nationalismus und Mobilität lesen. Das heißt, die Polizeibehörden rechtfertigten den Ausbau sicherheitspolizeilicher Institutionen mit dem Argument, dass die moderne Welt in Unordnung geraten war, und warnten unablässig vor dem drohenden Kontrollverlust aufgrund steigender Kriminalitätsraten und vor einer mobilen, anonymen Massengesellschaft, vor allem in den Metropolen.

Das Sicherheitsversprechen zur Stabilisierung von Ordnung durch den Einsatz von biometrischen Registraturen beruhte auf der Idee, gerade diejenigen Individuen, die sich der fixen Ortszuweisung im Stadtbild entzogen, stellvertretend im Archiv zu fixieren. Dieses Nicht-am-Ort-Sein ließ sie phantomhaft erscheinen und erzeugte einen Raum der Kontingenz. Die Sicherheitsbehörden füllten diese Leerstellen mit Imaginationen von extrem mobilen, intelligenten und wandelbaren Straftätern. Die Erkennungsdienste erzeugten am Ende Informationen und Daten, die ebenso mobil waren, wie die international agierenden »Berufsverbrecher«, vor denen sie unablässig warnten.

Gegenwärtig lässt sich die Ablöse von analogen hin zu digitalen Ordnungs- und Erschließungssystemen beobachten und die Übertragung des Sicherheitsversprechens biometrischer Verfahren auf nicht-kriminalpolizeiliche Anwendungen. Zwar spielt der Austausch von ermittlungsrelevanten Informationen durch Polizeidatenbanken mit dem Einsatz biometrischer Systeme scheinbar eine zentrale Rolle in internationalen Sicherheitsfragen, jedoch bleibt die Frage nach den gesellschaftspolitischen Effekten außen vor. Erst Ende Januar gab die deutsche Bundesregierung bekannt, dass es in Dänemark einen Angriff auf eine dieser Datenbanken gab. Die betroffene Datenbank war das Schengen-Informationssystem SIS, eine Datenbank zur Personen- und Sachfahndung in der Europäischen Union (EU). Bei dem Angriff wurden 1,2 Millionen Datensätze kopiert.5

Es lässt sich eine lange Traditionslinie ziehen im Umgang mit Herstellung, Aufbewahrung und Zugriff auf Informationen in archivalischen Kontexten. Das Verdaten, Klassifizieren und Archivieren von biometrischen Informationen fügt sich damit ein in eine Geschichte der Entkontextualisierung von Wissensstücken, wie sie unter anderem von Lorraine Daston beschrieben wurde. Gleichzeitig zeichnen sich mit der Biometrie neue Dimensionen des Zugriffs und der Korrelationsmöglichkeiten ab, durch die Verbindung zwischen Körper und Archiv und der Entstehung einer neuen, erkennungsdienstlichen Wissenskultur, die behördlich institutionalisiert und technisch begründet wurde.
Die historische Perspektive halte ich bei biometrischen Identifizierungstechniken für besonders wichtig, weil langjähriger Einsatz statt wissenschaftlicher Überprüfung bis heute ihre Legitimationsgrundlage darstellt.

Die Arbeit wurde im November 2015 abgeschlossen und ist über die Bibliothek der Uni Wien verfügbar.

  1. Lichtbildersammlung 1880, Vortrag vom 24. Oktober 1880, Archiv der Bundespolizeidirektion Wien, Schachtel 1880-1882/V.
  2. Cole, Simon A. (2002): Suspect identities. A history of fingerprinting and criminal identification. 2nd print. Cambridge, MA: Harvard Univ. Press, S. 29.
  3. Wilhelm Traugott Krug (1832): Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften, nebst ihrer Literatur und Geschichte, 2. verbesserte und vermehrte Auflage, 1. Band A–E, Leipzig, Brockhaus, S. 364.
  4. Vorschläge der K. Polizeidirektion München zur einheitlichen Regelung des Identifizierungsverfahrens, in: BayHStA MA 92813.
  5. Angriff auf Schengen-Informationssystem: 272.606 Datensätze aus Deutschland betroffen, in: http://www.heise.de/security/meldung/Angriff-auf-Schengen-Informationssystem-272-606-Datensaetze-aus-Deutschland-betroffen-2088169.html (17.1.2014).