Dissertationsprokrastinationsprojekt, #wbhyp

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade #wbhyp.

Die Redaktion von de.hypotheses.org hat dazu aufgerufen, Meinungen zu Gegenwart und Zukunft des Wissenschaftsbloggens zu posten. Da ich mein Dissertationsprojekt über einige Jahre durch ein Gemeinschaftsblog begleitet habe, nutze ich die Gelegenheit, ein kleines Fazit zu ziehen. Außerdem möchte ich gern noch das Thema Podcasting einbringen, dessen Potentiale in dem Zusammenhang leider noch unterschätzt werden.

 

VERNETZUNG.

Podcasting ist ein großartiges Werkzeug, um sich zu vernetzen. Wenn ich mit einer Person ins Gespräch kommen möchte, habe ich immer einen Grund, sie anzuschreiben. Und die meisten Menschen freuen sich, wenn sie von sich und ihren Projekten erzählen können. In über 80 Interviews im Rahmen der Stimmen der Kulturwissenschaften habe ich viele Menschen kennengelernt, mit denen ich teilweise immer noch in Kontakt bin. Nicht nur das: Daraus haben sich schon diverse Projekte, Einladungen zu Veranstaltungen oder Beiträgen ergeben.

 

VISITENKARTE.

Ich empfinde es als äußerst praktisch, in einem Gespräch über mein Projekt auf eine Website verweisen zu können. Das spart mir die Visitenkarte und hat wesentlich mehr Aussagekraft.

 

SELBSTAUSBEUTUNG.

Die Frage »Blog« oder »Nicht-Blog« hat auch zu tun mit der Situation der Wissenschaften, wie wir sie im Moment erleben. Es herrscht ein gewaltiger Konkurrenzdruck um Fördergelder und Drittmittel. Da liegt der Gedanke nahe, Sichtbarkeit zu schaffen, um eine bessere Ausgangsposition zu haben, für die eigene wissenschaftliche Karriere. Das geht einher mit Praktiken der Selbstausbeutung und Selbstoptimierung; Projekte werden zu Produkten und ForscherInnen zu Ich-AGs, die sich über viele Jahre in prekären Arbeitsverhältnissen wiederfinden und das mit jeder Menge Idealismus rechtfertigen.

 

VERÖFFENTLICHEN.

Mir gibt es ein gutes Gefühl, etwas zu veröffentlichen. Das setzt natürlich ein Sendungsbewusstsein voraus. Aber mit Blogbeiträgen oder Podcastfolgen bekomme ich mehr und schnelleres Feedback. Über einem Aufsatz sitze ich mehrere Wochen und am Ende wird er kaum wahrgenommen. Über meiner Diss sitze ich mehrere Jahre und am Ende wird sie kaum wahrgenommen. An einer Podcastepisode sitze ich einen Tag und erreiche Hunderte – manchmal auch Tausende – Interessierte.

 

DISSERTATIONSPROKRASTINATIONSPROJEKT.

Beim Schreiben der Diss fällt es mir manchmal schwer, fokussiert zu bleiben – oh, ich bin sicher, es geht nicht nur mir so! Es ist einfach, sich zu verzetteln, wochenlang »loose ends« zu produzieren, um am Ende festzustellen, dass das – wenn überhaupt – gerade mal in eine Fußnote kommt. Das Bloggen und Podcasten hilft mir, den Faden nicht zu verlieren, weil ich all meine Ablenkungen dorthin bündeln und auslagern kann und ich dazu noch laufend Erfolgserlebnisse habe durch das kontinuierliche Veröffentlichen. Ich bin also selbst beim Prokrastinieren noch produktiv (siehe Selbstoptimierung).

 

PODCASTING.

Podcasts oder abonnierbare Audioinhalte werden vielfach noch unterschätzt. Sie bieten die Möglichkeit, Wissen – z.B. in Dialogform – zu kommunizieren und gleichzeitig durch die Stimme einen persönlichen Bezug zu den RezipientInnen herzustellen. Mit Podcasts lässt sich in die Tiefe gehen: Damit erleichtern sie nicht nur den Einstieg in komplexe Argumentationen, sondern schaffen einen Diskussionsraum, der neue Formen von Feedback-Schleifen ermöglicht. Ein Blick in die (internationale) Podcastlandschaft zeigt, dass gerade Wissenschaftsformate stark nachgefragt werden. An der Stelle kommt häufig der Einwand: »Aber das hört doch niemand! Sollten wir nicht lieber kurze Youtube-Videos machen?« Das kommt darauf an, welches Publikum adressiert wird. Podcasting ist Nische. Das ist aber kein Problem, sondern die große Stärke des Mediums. Unsere Forschungen sind ja auch nicht gerade Mainstream, sondern für ein eher kleines Fachpublikum gedacht.

 

DISKUSSION.

Was die positiven Auswirkungen von Blogs bzw. Podcasts auf die konkrete Forschungsarbeit betrifft bin ich skeptisch. Aus meiner Sicht werden Blogs – und Social Media generell – in ihren Effekten überbewertet. Sicher, es schult die eigene Medienkompetenz und es ist eine gute Schreibübung. Aber Dissertationen mit Blogbegleitung sind deshalb nicht besser. Besonders deutlich wird das bei der Diskussion von Blogbeiträgen. Die findet nämlich kaum statt. Wohl gibt es einige Blogs, die rege Kommentarspalten haben, aber das sind Ausnahmen. Ich tendiere mittlerweile sogar dazu, bei manchen Beiträgen die Kommentare auszuschalten.

 

FAZIT.

Blogs und Podcasts sind großartige Tools, um sich zu vernetzen – für alle, die Spaß haben am Netzwerken und Kommunizieren. Sie sind auf der anderen Seite keine gute Wahl, wenn sich jemand einen direkten (monetären) «return of investment» erhofft, einen Job oder viel Anerkennung – das kann passieren, aber wer es vor allem deshalb macht, wird vermutlich enttäuscht.

 

Diese Episode zitieren: Daniel Meßner: »Dissertationsprokrastinationsprojekt, #wbhyp«, in: Coding History, Podcastinterview, 12. Februar 2015, http://codinghistory.com/blogparade-wbhyp/ (19. Oktober 2017).

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